Ein Tag im Schnee

Jack Ezra Keats, Ein Tag im Schnee, Carl Auer, 2020.

Als Peter aufwacht ist alles weiß. Über Nacht hat es geschneit. Peter zieht seinen Schneeanzug an und verbringt einen aufregenden Tag alleine im Schnee. Aufregend heißt für ein Kleinkind wie Peter nicht dasselbe wie für ein großes Kind oder wie für einen Teenager. Aufregend ist für Peter, einen Stock zu finden, damit gegen den Baum zu klopfen und zu lernen, dass er so den Schnee vom Baum schmeißen kann. Aufregend ist für Peter, Spuren zu machen: mit den Füßen, einem Ast, mit dem ganzen Körper. Aufregend ist für Peter zu merken, wie seine Präsenz im Schnee die Schneelandschaft verändert. Aufregend ist für Peter den Einfluss seines Daseins auf seine Umwelt zu beobachten, – kurz: zu wissen, dass er existiert.

Keine Angst: der ganze philosophische Teil von wegen „Peter macht gerne Spuren, weil er so einen physischen Beweis seiner Existenz hat“ ist im Buch nicht ausformuliert. Überhaupt ist in diesem wundervollen Buch vom weißen Amerikaner Jack Ezra Keats sehr vieles nicht ausformuliert. Jack Ezra Keats erzählt nüchtern, knapp, fast faktisch, als wolle er den Lesenden die Freiheit lassen, jeden Moment nachzufühlen und so Peters (unausgesprochene) Freude und Aufregung im eigenen Tempo und mit eigener Intensität nachzuspüren. Die Bilder erzählen genauso zurückhaltend und poetisch wie der Text: ohne viele Details, teilweise collagiert, enthüllen die meisten Bilder nicht Peters Gesichtsausdruck, sondern schaffen eine eindrucksvolle und zugleich ruhige Stimmung, die einen in diese Schneelandschaft eintauchen lässt. Es passiert scheinbar nicht viel in dieser Geschichte, doch genau durch diese Einfachheit schafft es Jack Ezra Keats, Peters Blick auf die Welt einzufangen.

Ein Klassiker (das Original ist in den 60ern erschienen), ein Juwel, eines meiner absoluten Herzensstücke für alle Kinder ab 2 Jahren* und Erwachsene, die die Schönheit der ‚kleinen’ Erfahrungen zu schätzen wissen.

*Die französische Ausgabe ist aus hartem Pappkarton, die deutsche Ausgabe (jedenfalls die, die ich habe) nicht. Das normale Papier der deutschen Version hat den Vorteil, das Buch nicht fälschlicherweise als ‚Babybuch’ zu markieren – ich habe es einem Fünfjährigen vorgelesen, und der hat genauso aufmerksam gelauscht wie sein zweijähriger Bruder – aber es macht es etwas ‚risikobehafteter’, das Buch in ganz, ganz kleine Hände zu geben…

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